„Leide sanft“ von Werner Wöckinger

Im dichten Novembernebel entdecken der Rettungsfahrer Alois und seine Kollegin Julia eine verstümmelte Frauenleiche. Während die Ermittlungen stocken und die Psyche der Retter schwer belastet ist, wird klar: Ein Serientäter geht um. Die Spur führt tief in menschliche Abgründe – und verlangt Alois alles ab. Als seine engsten Vertrauten in Gefahr geraten, muss er eine folgenschwere Entscheidung treffen. Der dritte Alois-Perger-Fall: packend, authentisch und atmosphärisch dicht.

Leseprobe

Sie hing im Halbdunkel, gefangen zwischen Himmel und Erde. Die Zehenspitzen berührten gerade noch den Boden, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Kräfte verlassen würden.
»Bitte!«, flehte sie. »Lass mich los«, rang sie um Atem. »Bitte lass mich, ich hab doch nichts gemacht«, hatte sie keine Macht mehr über ihre Tränen. Er stand direkt vor ihr, die Nasenspitzen berührten einander beinahe. Er starrte in ihre blaugrauen Augen, die all ihre Strahlkraft verloren hatten.
»Sag, dass ich nicht schuld bin«, forderte er sie auf. Doch sie verstand nicht, was er meinte. Der Sauerstoff reichte gerade noch, um nicht das Bewusstsein zu verlieren.
Es war ein Kampf um jeden Atemzug.
»Ich muss dich bestrafen, das wirst du verstehen«, legte er den Kopf zur Seite. Am Hals waren bereits die Strangulationsmale zu erkennen. »Du hast dich aus der Verantwortung gestohlen. Ich bin nicht schuld daran, ich muss dich dafür bestrafen«, trat er hinter sie.
Das Seil war an einem hölzernen Pfeiler fixiert, in den mehrere gebogene Haken geschraubt waren. Er hatte dieses liebevoll verzierte Trägerelement schon im Vorfeld entsprechend präpariert.
»Willst du noch etwas loswerden?«, flüsterte er ihr ins Ohr. Doch sie war kaum noch bei Sinnen. Er löste den Strick, der über den Querbalken unter dem First geschwungen war, aus der Verankerung und zog ruckartig an.
Dann ließ er die Schlaufe im nächstliegenden Haken einrasten. Sie hatte nun jeglichen Bodenkontakt verloren und versuchte in einem letzten Aufbäumen verzweifelt, mit den Beinen zu strampeln. Der Strick schnitt ihr in die Haut und drückte ihr gnadenlos die Karotis ab. Die Adern pulsierten unaufhörlich, traten an den Schläfen wie Gewitterblitze hervor. Der Kreislauf kämpfte gegen die lähmende Ohnmacht, jeder Atemzug wurde zu einem verzweifelten, stummen Schrei in die laut tosende Stille. Er konnte zusehen, wie sich ihr Gesicht nach und nach durch den Sauerstoffmangel graublau verfärbte. Er strich ihr übers Gesicht und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihre Gedanken lesen zu können. Es hieß doch, dass im Moment des Todes die Stationen des Lebens an einem vorüberziehen. Ein tröstlicher Gedanke. Vielleicht fand sie ja in wenigen Augenblicken ihren Seelenfrieden?
»Sag, dass ich nicht schuld bin. Sag es!«, hauchte er ihr ins Ohr. Sie kämpfte noch immer, doch sie brachte nicht mehr als ein Röcheln hervor. Ihre Augen füllten sich mit Tränenflüssigkeit, Speichel sabberte aus ihrem Mundwinkel. Die Aussichtslosigkeit ihres Widerstands legte sich wie ein nasses Tuch über ihren Körper. Ihre Augen weiteten sich vor Panik, die am Rücken gefesselten Hände verkrampften sich, nahmen eine Pfötchenstellung ein.

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Thalia

Leide sanft
Kriminalroman von Werner Wöckinger
Taschenbuch, 347 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-348-5