„Schattenkinder“ von Carolin Häupl
Ein verstörender Fall erschüttert den Attersee: Staatsanwalt Tim Hörtenhauser, spezialisiert auf Sexualdelikte, übernimmt das Verfahren gegen Elke Müsslinger, die verdächtigt wird, ihre Töchter in grausame Verbrechen verwickelt zu haben. Eindeutige Beweise und ein toter Verdächtiger im Darknet-Sumpf deuten auf ein weit verzweigtes Netzwerk hin. Während Tims Rivalin Elli Wallner ihn juristisch unter Druck setzt, stoßen die Ermittlungen auf das »Projekt Friwo«. Als sein eigener Sohn ins Visier gerät, wird der Kampf um Gerechtigkeit zu einem persönlichen Albtraum.
Leseprobe
Tim hatte als Staatsanwalt eine Sonderzuständigkeit für Sexualdelikte. Fälle, die viele Kollegen lieber ablehnten. Aber es war genau das, was ihn vor Jahren auf diesen Posten gebracht hatte: die Herausforderung. Als er sich nach der Richteramtswärterzeit auf die Planstelle bei der Staatsanwaltschaft bewarb, brannte er noch darauf, gegen die Ungerechtigkeit, die gerade von Sexualdelikten ausging, anzukämpfen. Er startete als äußerst motivierter, engagierter Staatsanwalt, der bei allen Strafverteidigern mehr als verhasst war. Er war von Anfang an für seine strenge Handhabe bekannt. Rückblickend betrachtet wurde Tim genau das zum Verhängnis. Er rieb sich an den Fällen, die ihm in der Arbeit begegneten, zu sehr auf. Inzwischen, nach all den Jahren, hatte sich die Herausforderung für Tim in eine unaufhörliche Last verwandelt. Ein Kreuz, das er jeden Tag ein Stück weiter
mit sich schleppte.
Die psychischen Belastungen, die mit diesen Fällen einhergingen, nagten an ihm. Es war eine ständige Konfrontation mit den dunklen Seiten der menschlichen Natur, die ihn immer mehr zermürbte. Die Gesichter der Opfer, die ständigen Berichte von Kindesmissbrauch und Gewalt, all das hallte in seinem Kopf nach. Die Enkeltöchter, die missbraucht wurden, die Schulmädchen, die von Mitschülern zu unaussprechlichen Dingen gezwungen wurden. Die Arbeit hatte ihn so erschöpft, dass er nachts oft von Albträumen gequält wurde. Der Gedanke, den Job zu wechseln, war längst nicht mehr nur eine vage Idee. Er hatte sich bereits nach anderen Planstellen umgesehen, in denen er weniger mit den finstersten Aspekten der Gesellschaft konfrontiert wurde. Aber bis jetzt hatte sich nichts Geeignetes gefunden. Sein derzeitiges Leben hing an ihm wie eine düstere Schlinge, die sich hartnäckig weigerte, ihn freizugeben.
Sein Blick wanderte über die ersten Akten und Berichte, er blätterte durch die Seiten mit der Müdigkeit eines Mannes, der das Gefühl hatte, nie wirklich anzukommen, nie wirklich etwas zu bewegen. Die Namen der Beschuldigten, die Anschuldigungen – sie alle waren wie eine endlose Wiederholung.
Doch plötzlich verharrten seine Augen an einem bestimmten Akt, der ihm von seiner Kanzleikraft frisch auf den Schreibtisch gelegt wurde. Die rötlich rosa Akten sind alle nach dem gleichen Muster beschriftet. Ganz oben in der oberen Zeile findet sich der Name des jeweiligen Beschuldigten. In der zweiten Zeile das Delikt, das dem Beschuldigten vorgeworfen wird. Rechts außen steht meist in großen fetten Buchstaben das Wort HAFT, wenn sich der Beschuldigte in Untersuchungshaft befindet. Das bedeutet für den Staatsanwalt, dass rasches Handeln gefordert wird, weil Haftsachen äußerst sensibel zu behandeln sind. In der oberen Zeile las Tim den Namen Elke Müsslinger. In der zweiten Zeile stand nur § 207a StGB.
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Schattenkinder
Justiz-Thriller von Carolin Häupl
Taschenbuch, 160 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-376-8



