„Mord im Schrebergarten“ von Petra Kurz

Thomas und Chantal wollen im Schrebergarten nur ihre Ruhe fi nden – doch in der alteingesessenen Anlage sorgt das junge Paar schnell für Aufregung. Zwischen Grillfest, Parzellenstreit und Gerüchten über eine geplante Revitalisierung kochen die Emotionen hoch. Als bei der Einweihungsfeier plötzlich ein Schuss fällt und ein Nachbar tot zusammenbricht, wird aus dem Kleingartenidyll ein Tatort. Ermittler Paul Paulus übernimmt den Fall und trifft dabei auf eine alte Bekannte: Hildegard von Sinnen, die als Freundin von Thomas und Chantal bei deren Umzug geholfen hat – und sich kurzerhand einquartiert hat. Denn für Hilde ist schnell klar: Diese Geschichte ist zu gut, um sie nicht für ihren nächsten Krimi zu nutzen.

Leseprobe

Einen Monat später war es so weit: Chantal und ihre bessere Hälfte, Thomas, übersiedelten. Ein Ereignis, das gleichermaßen Freundschaftsbeweis wie Belastungstest war. Alle kamen – natürlich – und alle taten so, als hätten sie sich freiwillig gemeldet. Mit einer Entschlossenheit, die irgendwo zwischen sportlichem Ehrgeiz und vorweggenommener Reue pendelte, schleppten sie Kartons aus der alten Wohnung im dritten Stock. Ohne Lift. Was nicht nur der Freundschaft, sondern auch diversen Bandscheiben nachhaltig zusetzte.
»Heast, wos is’n da drin? Ziegelsteine?«, keuchte einer, während er einen Karton abstellte, im Zustand eines frisch überlebten mittleren Herzinfarkts.
»Bücher«, kam es knapp von Chantal. »Und ein bissl Deko.«
Ein bissl? In Wien bedeutet »ein bissl« bekanntlich alles zwischen zwei Kilo und einer Schicksalsfrage.
Ich stand unten im Stiegenhaus, offiziell zum Koordinieren eingeteilt – inoffiziell, weil mein Rücken laut ärztlicher Einschätzung schon beim falschen Gedanken kündigen würde. Also nahm ich die leichteren Sachen. Taschen. Pflanzen. Dinge, bei denen man sich zumindest einreden konnte, dass man half.
Thomas hingegen schleppte wie ein Mann, der noch etwas zu beweisen hatte. Vielleicht sich selbst. Vielleicht ihr. Vielleicht beiden. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht, aber er grinste tapfer. Draußen wartete der Transporter. Offen wie ein hungriges Maul, das einfach nicht satt wurde. Kaum hatte man ihn halb gefüllt, stand schon wieder jemand mit einem neuen Karton da, als würden die sich in der Wohnung heimlich vermehren.
»Des nimmt ka End’«, brummte Thomas und zündete sich gedanklich eine Zigarette an, obwohl er längst aufgehört hatte.
Chantal stand daneben, die Arme in die Hüften gestemmt, und überwachte das Ganze mit einer Mischung aus Stolz und stiller Nervosität. Es war ihr Projekt, ihr Aufbruch, ihr perfekt geplantes neues Leben. Und wir waren die Statisten, die dafür sorgten, dass die Kulisse rechtzeitig stand.
»Passt’s auf mit der Kiste!«, rief sie plötzlich. »Da sind die Gläser drin!«
Natürlich waren genau die Gläser wichtiger als alles andere. Nicht die Möbel, nicht die Menschen, nicht die Bandscheiben – die Gläser.
Ein verschmitztes Grinsen entkam mir. Genauso hatte ich sie eingeschätzt. Und irgendwo zwischen dem dritten und dem wahrscheinlich fünfzigsten Gang durchs Treppenhaus wurde mir klar: Das hier war mehr als nur ein Umzug. Das war der Anfang von etwas. Und erfahrungsgemäß fingen die wirklich unangenehmen Geschichten in Wien immer genau so an – mit zu viel Hilfsbereitschaft, zu vielen unausgesprochenen Dingen und einer Wohnung, die man besser nie hätte verlassen sollen. Der Umzugswagen blockierte majestätisch die Hauseinfahrt, wie ein Zirkuselefant, der entschieden hatte, nicht mehr weiterzugehen.
Drei Nachbarn spähten aus ihren Fenstern und beobachteten das Treiben. Einer schüttelte sachte den Kopf – mit der Schwere eines Mannes, der sein ganzes Leben lang recht behalten hatte. Ein anderer telefonierte demonstrativ lautstark mit jemandem, der ganz sicher nichts dafür konnte, aber jetzt eben herhalten musste. Und der dritte machte Fotos – gewissenhaft, fast liebevoll. Solche Leute dokumentieren nicht, die sammeln Munition.

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Thalia

Mord im Schrebergarten
Der zweite Fall für Hildegard von Sinnen
Kriminalroman von Petra Kurz
Taschenbuch, 246 Seiten, € 15,00 (A)
ISBN 978-3-99074-396-6