„Kalte Spuren“ von Pia Wala
Eggenburg, eine verschlafene Kleinstadt, wo noch jeder jeden kennt und die Uhren langsamer ticken. Als Anna Wagner ihren gut bezahlten Job in der PR-Abteilung der Polizei Wien hinter sich lässt und in ihre alte Heimat zurückkehrt, wünscht sie sich vor allem eines: Ruhe. Doch als sie zum Empfang ins alte Stadthotel eingeladen wird, bleibt von dieser Ruhe nicht viel übrig. Denn in der Bibliothek des Hotels wird der pensionierte Lehrer Reinhard Gruber tot aufgefunden. Und plötzlich steckt Anna mitten in ihrem ersten Mordfall. An ihrer Seite: Die schlagfertige Apothekerin Amalia, die nicht nur mit Kräutern, sondern auch mit scharfsinnigen Analysen zu helfen weiß. Und guter (pharmazeutischer) Rat ist teuer, denn die Todesumstände sind nicht so eindeutig, wie gedacht. Ein Glück, dass Anna den jungen Polizisten Tom spielend um den Finger wickelt.
Leseprobe
Anna Wagners erster Fall
Es hatte seit den frühen Morgenstunden geschneit. Dichte weiße Flocken fielen ununterbrochen und bildeten mittlerweile eine alles verschlingende Schneedecke. Wie im Märchen, dachte Anna Wagner augenrollend. Aufmerksam verfolgte sie das sanfte Schneetreiben vor ihrem Fenster. Rauf und runter, immer wieder – die Flocken tanzten in der Luft, als existiere die Schwerkraft für sie nicht. Bis sie nach einer gefühlten Ewigkeit doch zu Boden sanken und Teil der eisigen Weite wurden, die nun das Tullnerfeld überzog.
Anna Wagner, die gerade ihren gut bezahlten Job in der PR-Abteilung der Wiener Polizei an den Nagel gehängt hatte, war auf dem Weg in die alte Heimat. Angestrengt presste sie ihr Gesicht gegen die kalte Waggonscheibe, die sogleich von ihrem Atem beschlug, sodass ihre kleine Stupsnase und ihre Stirn einen Abdruck in Form eines Ausrufezeichens hinterließen.
Mit ihren 27 Jahren war sie eine widersprüchliche Mischung aus Pessimismus und purer Lebensfreude. Sie hasste den Schnee, weil er sich in Wien, kaum dass er zu Boden gefallen war, in braunen Matsch verwandelte. Hier hasste sie den Schnee, weil ihr die ländliche Idylle zuwider war.
Jedenfalls wollte sie den Anschein vermitteln. Denn eigentlich freute sie sich wie ein kleines Kind auf die märchenhafte Stimmung, die der Schnee mit sich brachte. Doch ihre empfindsame Seite zu zeigen, fiel ihr nicht leicht.
Die Großstadt hatte sie hart gemacht. Sie hatte schnell gelernt, dass es einfacher war, unnahbar zu wirken. Eine anständig harte Schale schützte einen weichen Kern. Oder, wie ihre Tante im Bäckerjargon einst sagte: Eine knusprige Kruste schützt ein weiches Herz. Vor Annas geistigem Auge erschienen frisch gebackene Kaisersemmeln. Sie schüttelte die Erinnerung ab und richtete den Blick wieder auf das Schneetreiben. Doch sie musste es sich eingestehen: Sie freute sich auf ihre Rückkehr ins langweilige Dorfleben. Ein wenig Ruhe würde ihr ohnehin nicht schaden. Schließlich neigte sie dazu, Chaos und Aufregung magisch anzuziehen.
Nachdenklich blies sie eine ihrer dicken Korkenzieherlocken von ihrer kondenswasserfeuchten Nase. Was sie auch versuchte, ihre wilde Mähne, die die Farbe von geschmolzenem Honig hatte und knapp über ihren zierlichen Schultern endete, ließ sich beim besten Willen nicht bändigen.
Auch als e-book erhältlich
Amazon
Thalia
Kalte Spuren
Kriminalroman von Pia Wala
Taschenbuch, 244 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-300-3



