„Dies irae – Tag des Zorns“ von Adrian Schmelzenbart
Neun Jahre nach dem ungeklärten Mord an ihrer Tochter zieht Dolly in das alte Haus ihres Großvaters im abgelegenen Waldviertel, um Frieden zu finden. Doch nachts leuchtet das Baumhaus ihrer Kindheit und ein Mädchen erscheint – blass, still und verstörend ähnlich ihrer getöteten Tochter. Dolly entdeckt das Grab des Kindes Melanie Schweiger und ahnt einen Zusammenhang. Während das Dorf schweigt, wächst in ihr der Zorn. Getrieben von Schmerz und der Hoffnung auf Gerechtigkeit, stellt sie sich der Vergangenheit – und einem Mörder, der mitten unter ihnen lebt..
Leseprobe
Die Scheune still, kein Mucks mehr zu hören. Die versinkende Dämmerung schuf diffuse Sicht, mehr Dunkel als Helle. Durch die breiten Ritzen der Bretterwände wurde Zwielicht gefiltert, das Licht der Sonne und des Mondes im Wechsel. Er war nicht allein im Stadel, das spürte er. Die Geräuschkulisse, die ihn hierhergelockt hatte, war verstummt, gleich nachdem er vorsichtig das große Holztor geöffnet, das kurze ächzende Schnarren der rostigen Scharniere sein Kommen angekündigt, für Todesstille gesorgt hatte. Als würde der Stadel den Atem anhalten. Dann das Strohrascheln huschender Mäuschen, plötzlich der flatternde Flügelschlag einer Eule im Gebälk, im steilen Flug den kleinen Nagern hinterher. Er duckte sich instinktiv, zog den Kopf ein.
»Verfluchte Mistviecher«, murmelte er knurrend.
Sein misstrauischer Blick wanderte, versuchte weitere in der Dunkelheit sich bewegende Konturen zu erfassen. Aber da wir nichts Lebendiges – und doch war da was. Hoch über ihm. Er kniff die Augen zusammen, während er langsam emporschaute. Zuerst erschrocken, dann misstrauisch, schließlich wütend.
»Du verfluchtes Rotzmensch!«, zischte er keuchend, stieß dann heiser bellend nach: »Komm runter da, oder möchst dir von mir a saftige Fotzn einfangen, ha!?«
Sie reagierte nicht. Sie saß auf der kleinen Plattform des Querbalkens wie zur Dekoration. Das Köpfchen trotzig gesenkt, stellte sich taub. Ihre Beine baumelten leicht im zugigen Wind vom offenen Scheunentor her als wär’s ein Glockenspiel. Was da aus ihrem Mund herabgetropft kam, sah er nicht. Es war zu dunkel.
»Na wart nur! Dir werd ich geben!«
Er blickte sich suchend um, bekam eine blecherne Gießkanne zu fassen und schleuderte sie wutentbrannt empor. Sie verfehlt knapp ihr Ziel, sauste haarscharf am Kopf des Mädchens vorbei, schlug scheppernd gegen die Dachziegel. Es nahm keinerlei Notiz davon, das Mädchen, bewegte sich keinen Millimeter, als wäre es gänzlich in sich selbst versunken. Ihr völlige Teilnahmslosigkeit steigerte seinen Ärger in Wut.
»Runter hab ich g’sagt! Oder ich erschlag dich, du Rotzpipn!« Keine Antwort. »Na wart nur!!!«
Er suchte und fand.
»Aber jetzt!«, triumphierte er, bückte sich, hob einen faustgroßen Stein hoch und wog ihn abschätzend in der Hand. Dann nahm er Maß, warf – und traf!
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Thalia
Dies irae – Tag des Zorns
Mystery-Krimi
von Adrian Schmelzenbart
Taschenbuch, 320 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-373-7



