„Der Tod fährt mit“ von Astrid Miglar
Ein Klassentreffen auf Schienen – und ein Verbrechen, das nie ganz vergessen wurde.
1998 erschüttert der Tod der Schülerin Liliana die kleine Gemeinschaft. Ein Cold Case, der nie gelöst wurde. Jetzt, 2025, treffen sich die ehemaligen Klassenkameraden auf einer Sonderfahrt der Steyrtal-Museumsbahn wieder. Haubenkoch Paul hat nicht nur das Fest organisiert, sondern auch eine Entdeckung im Gepäck: ein Fund, der neue Fragen aufwirft. Während die Erinnerungen aufflackern und Geschichten von damals erzählt werden, wächst der Verdacht: Ist der Mörder von Liliana unter ihnen? Und kann die Wahrheit nach all den Jahren noch ans Licht kommen? Ein atmosphärischer Krimi zwischen Nostalgie, Schuld und Abgrund.
Leseprobe
Ich bin auf einen Blender hereingefallen. Er war aufmerksam mir gegenüber, schenkte mir Kleinigkeiten, nichts Teures, bloß diese Art von Nettigkeiten, die für Freude sorgen: Schokolade, schöne Kerzen, wohlriechende Seifen, meinen Lieblingsduft.
Jetzt allerdings erkenne ich, dass ich einem religiösen Fanatiker aufgelaufen bin. Ich sitze ihm gegenüber und höre ihm entgeistert zu. Einerseits bin ich hingerissen, wenn er leidenschaftlich von seinen Plänen spricht. Davon, dass er die Welt zu einem besseren Ort machen möchte. Er redet davon, eine Partei zu gründen. Kluge Menschen sollen ihn umgeben. Leute mit Organisationstalent, Weitsicht und Eifer. Einflussreich will er sein. Seine Jünger mit starker Hand, aber dennoch liebevoll führen.
Jünger? Ich mag dieses Wort nicht. Wer, außer einem Sektenführer, umgibt sich heute noch mit Jüngern?
Und ich höre noch etwas aus seinen Litaneien heraus: Er braucht Anbetung wie ein Kaiser, bedingungslose Gefolgsleute und Ja-Sager. Menschen, die sich ihm unterordnen, ihm gefallen wollen und hüpfen, wenn er sagt: »Spring!«
Andererseits, und das ekelt mich an, erklärt er mir, dass er seine Widersacher vernichten möchte. Wobei mir nicht klar ist, wer diese Gegner sind. Als ›das Böse‹ bezeichnet er sie – moralisch verdorben, korrupt und von geringem Wert. Sie müssten aus dem Land vertrieben werden. Oder gleich vernichtet. In Worten und Gedanken erhebt er sich über seine Mitmenschen.
Als ich ihn frage, ob es nicht gefährlich wäre, sich des Hochmuts zu bedienen, schmunzelt er bloß und sieht mich an wie ein Herr sein Hündchen. In dem Augenblick erwarte ich tatsächlich, dass er mir tröstend über den Kopf streichelt und liebevoll verkünden wird, dass ich naiv wäre.
Er tut es nicht.
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Thalia
Der Tod fährt mit
Kriminalroman von Astrid Miglar
Taschenbuch, 178 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-344-7



