„Der letzte Jahrgang“ von Olivia Meltz
Der vierte Fall für Inspektor Quincy
Im idyllischen Salzkammergut scheint die Welt noch in Ordnung zu sein – bis eines Morgens in einem Weingarten unweit des Traunsees ein Toter zwischen den Reben liegt. Der Mann, ein Immobilienentwickler aus Salzburg, wollte ein ehrgeiziges Projekt vorantreiben: Ein Wellnesshotel der gehobenen Klasse, das nur dann gebaut werden kann, wenn alle Eigentümer ihre Grundstücke an das Salzburger Unternehmen veräußern. Ein einziger in der kleinen Ortschaft Traunweiler stellt sich quer – Weinhauer Johann Schlagenhaufer. Hat er, einer der Pioniere des aufstrebenden oberösterreichischen Weinbaus, etwas mit der Sache zu tun? Der alte Weinhauer ist der Einzige im Ort, der sich von Beginn an gegen einen Verkauf gesträubt hat. Während Bezirksinspektorin Charlotte Hofreiter und ihr Team noch versuchen, Licht in die Sache zu bringen, hat einer die Wahrheit längst in der Nase: Inspektor Quincy. Der Golden Retriever ermittelt wieder einmal mit feinem Gespür und trockenem Humor. Seine pointierten und lebensklugen Gedanken bereichern den Fall auf ganz spezielle Weise, und Quincy kommt dabei so mancher Wahrheit schneller auf die Spur als seine zweibeinigen Kollegen. »Ein Fall für Inspektor Quincy – der beste Ermittler hat vier Pfoten.«
Leseprobe
»Guten Abend, Herr Schlagenhaufer«, grüßte Michael Tauber, als er auf Sprechweite herangekommen war. »Ich freue mich, Sie hier anzutreffen.«
»Ich müsste lügen, um zu sagen, dass ich mich ebenfalls freue, Herr Tauber«, knurrte Schlagenhaufer und ignorierte die Hand, die ihm Tauber entgegenstreckte. »Sagen Sie, was Sie von mir wollen!«
»Eigentlich wollte ich Sie ja morgen in Ihrem Betrieb aufsuchen, Herr Schlagenhaufer. Aber dann sah ich Ihren kleinen Traktor unten an der Straße stehen. Ich habe in dem schönen Abendlicht ein paar Fotos für unseren neuen Anlegerprospekt gemacht.« Tauber griff in die Innentasche seines Sakkos und holte sein Smartphone heraus. »Wissen Sie, unsere Investoren sollen sich schließlich ein Bild davon machen können, wie herrlich hier die Aussicht auf die umliegende Landschaft und auf die Berge ist.« Er verzog den Mund zu einem Lächeln. »Wollen Sie mal sehen?«
»Danke, ich verzichte.« Schlagenhaufer schien wenig beeindruckt. »Die Fahrt hierher nur für ein paar Fotos hätten Sie sich sparen können. Ich verkaufe nicht, das wissen Sie doch!«
»Ja, das sagten Sie mehrfach, aber ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass wir unser letztes Angebot noch einmal um 20 Prozent erhöhen. Vielleicht überlegen Sie sich die Sache noch einmal.«
»20 Prozent? Da muss ich nicht lange überlegen. Nein, ich verkaufe nicht.«
»Na gut!« Tauber blieb hartnäckig. »Dann machen wir es andersherum, Herr Schlagenhaufer. Sie sagen, was Sie für die Parzelle haben wollen. Vielleicht kommen wir auf diese Weise zusammen.«
»So viel Geld haben Sie nicht, dass wir zusammenkommen.«
»Aber Ihre Nachbarn haben schon fast alle unterzeichnet.«
»Na und?« Schlagenhaufer verlor allmählich die Geduld. »Wenn die sich alle vom Traunstein stürzen, springe ich ja auch nicht hinterher.«
»Sie haben doch noch so viele andere Weingärten, Herr Schlagenhaufer«, ließ Tauber nicht locker. »Warum verkaufen Sie uns diesen einen nicht?«
»Weil er dann nicht mehr mir gehört, Herr Tauber. Das ist mein letztes Wort, das Sie bitte auch an Ihren Teilhaber weitergeben! Und nachdem Sie nicht gehen wollen, gehe ich jetzt! Und zwar heim!«
Johann Schlagenhaufer wandte sich ohne einen weiteren Gruß ab und stapfte zwischen den Rebenreihen hindurch den Hang hinab zu seinem Traktor.
»Herr Schlagenhaufer, bleiben Sie doch stehen! Wir können uns doch wie erwachsene Menschen unterhalten!«, rief Michael Tauber dem alten Weinhauer noch hinterher, aber dieser lief weiter, ohne sich umzuwenden, und machte lediglich über die Schulter hinweg eine abwehrende Handbewegung. Tauber überlegte, ob er ihm folgen solle, besann sich aber dann eines Besseren. Statt die unnötige Diskussion weiterzuführen, beschloss er, noch einmal auf die Anhöhe zurückzukehren, um für den Werbeprospekt ein paar Fotos von der im warmen Licht der Abendsonne liegenden oberösterreichischen Landschaft zu machen.
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