„Falsche Töne“ von Olivia Meltz

Der dritte Fall für Inspektor Quincy

In Gmunden laufen die Vorbereitungen für die Johann-Strauss-Festtage auf Hochtouren. Doch als der italienische Star-Tenor Domenico Monteverdi wenige Tage vor der Premiere nackt und mit einem Messerstich im Rücken aus dem Traunsee geborgen wird, droht die Aufführung von Eine Nacht in Venedig zu scheitern, denn Monteverdi sollte die Hauptrolle singen. Bezirksinspektorin Charlotte Hofreiter und ihr Team – tatkräftig unterstützt vom Golden Retriever »Inspektor« Quincy – stellen fest, dass der Ermordete nicht nur in seiner Bühnenrolle, sondern auch im wahren Leben ein unverbesserlicher Casanova war. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie auf Rivalitäten und versteckte Leidenschaften innerhalb des Operettenensembles. Welche Rolle spielen der Regisseur und sein unehelicher Sohn? Weil lokale Politiker eine rasche Aufklärung des Mordfalls fordern, mischt sich sogar Major Brunner in die Untersuchungen ein und sorgt für zusätzliche Verwirrung. Am Ende führt wieder einmal Quincys untrügliche Spürnase auf die richtige Fährte.

Leseprobe

Wie jeden Morgen, seit ihr Mann von ihr gegangen war, verließ Waltraud Amselgruber gegen sechs Uhr ihre kleine, auf der Ostseite von Gmunden am Klosterplatz gelegene Wohnung, um ihre orangefarbene Zwergspitzhündin auszuführen. Ihren Spazierweg nahm sie, egal welches Wetter herrschte, dreimal täglich Richtung Innenstadt über die Traunbrücke, wo sie gewöhnlich genau in der Mitte am Geländer stehen blieb, um von dort den Anblick des Traunsees und der dahinterliegenden Berge in sich aufzunehmen. Dies war, wie sie es nannte, ihre Gedenkminute, denn ihr verstorbener Mann hatte bei der Traunseeschifffahrt als Maschineningenieur gedient.
»Schau mal, Gisela«, wandte sie sich an ihre kleine Hündin, »schade, dass du Konrad nicht mehr kennengelernt hast. Dort ist er immer gefahren.«
Sie machte eine weite Armbewegung, die vom am Ostufer aufragenden Traunstein bis zum Schloss Ort am Westufer reichen sollte. Aber mitten in der Bewegung hielt sie inne, denn etwas, das auf dem Wasser auf die Brücke zutrieb, erregte ihre Aufmerksamkeit.
Waltraud Amselgruber kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, um was es sich handelte. Ihr Konrad hatte sich ständig über den vielen Unrat geärgert, der auf dem See trieb und bisweilen in den Schaufelrädern des über 150 Jahre alten Raddampfers Gisela hängen geblieben war, wo er anschließend mühsam entfernt werden musste. Manchmal waren es Dinge, die Menschen unüberlegt zu nahe ans Ufer gelegt hatten, sodass die Wellen des nächsten vorbeifahrenden Fahrgastschiffes sie weggespült hatten, in den allermeisten Fällen war es aber einfach nur achtlos entsorgter Abfall gewesen.
»Nun schau dir das an, Gisela«, empörte sich Waltraud Amselgruber, »da hat doch wieder jemand ein Plastiksackerl ins Wasser geworfen. Das gehört sich einfach nicht, ich weiß nicht, was sich die Menschen dabei …«
Sie stockte mitten im Satz, denn je näher der vermeintliche Abfall auf die Brücke zutrieb, desto besser konnte die rüstige Pensionistin sehen, dass es keineswegs eine Plastiktüte war, weil diese üblicherweise weder Arme noch Beine hat. Zu ihrem größten Entsetzen musste sie erkennen, dass es sich vielmehr um einen splitternackten Mann mit Vollglatze handelte, der bäuchlings im Traunsee trieb. Was sie zunächst für eine weggeworfene Plastiktüte gehalten hatte, war nichts anderes als sein entblößtes Gesäß, das über die Wasseroberfläche ragte.

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Falsche Töne
Der dritte Fall für Inspektor Quincy
Kriminalroman von Olivia Meltz
Taschenbuch, 214 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-374-4