„Villenfluch“ von Lisa Gallauner

Meierhofer trifft Friedrich Fresch

An Geister glaubt Friedrich Fesch ganz sicher nicht. Umso absurder findet er es, dass ein TV-Team in die elegante Seevilla von Sankt Lindenbaum reist, um angebliche Spukerscheinungen zu dokumentieren. Doch als kurz darauf eine Wasserleiche auftaucht, erkennt der traumatisierte Polizist, dass er wieder handeln muss. Zur gleichen Zeit hofft Chefinspektor Hans Meierhofer nach einem belastenden Fall in der Wachau auf ein paar ruhige Tage. Vergeblich: Eine Nachricht von Michi Mörderisch führt ihre Wege zusammen. Ohne sich je zu begegnen, werden Fesch und Meierhofer zu unerwarteten Partnern im Schatten des Villenfluchs.

Leseprobe

Der Friedrich, der zu jung ist, um sich selbst daran erinnern zu können, hat als Kind davon gehört. Von unerklärlichen Unfällen, vom Fluch, der angeblich auf dem Haus liegt. Irgendwann ist die Adelsfamilie, wenn man den Erzählungen seiner Vorfahren Glauben schenken darf, einfach nicht mehr wiedergekommen. Das Haus ist dann lange Zeit leer gestanden.
Genau genommen bis zu dem Moment, an dem die Sieglinde in Sankt Lindenbaum aufgetaucht ist, ihren älteren Bruder, den Horst, im Schlepptau. Die Sieglinde ist nämlich eine sogenannte Zuagraste, die die Liebe in den idyllischen Ort verschlagen hat. Der Wendelin, ihr Ex, ist aber auch wirklich ein Bild von einem Mann gewesen, damals, als er der Sieglinde den Kopf verdreht hat, das muss sogar der Friedrich neidlos eingestehen. Ohne die Sieglinde und ihren Bruder hätte sich der Wendelin die Seevilla, wie viele Sankt Lindenbaumer das Haus am See inoffiziell nennen, nie leisten können.
Man munkelt, dass das Geschwisterpaar blaublütige Wurzeln hat beziehungsweise hatte oder zumindest dem Geldadel entstammt. Wie auch immer, die Sieglinde hat sich, soweit der Herr Fesch das weiß, vom ersten Blick an in das Haus am See verliebt und es deshalb kurzerhand erstanden. Einige Jahre haben die beiden Flaschlbauer und Sieglindes Bruder auch glücklich darin verbracht, bis zu jenem Tag, an dem der Horst alleine mit seiner Motorsäge in den Wald gegangen und nicht mehr lebend zurückgekehrt ist. Seit dem Vorfall damals brodelt die Gerüchteküche.
Vom wiedererwachten Fluch ist die Rede, davon, dass es in der Villa spukt. Aber auch, dass dem Wendelin die ewige Anwesenheit seines Schwagers irgendwann auf die Nerven gegangen ist, weshalb er die Motorsäge manipuliert hat. Im Nachhinein gesehen könnte der Friedrich sich in den Hintern beißen, weil er diesen Vermutungen nie nachgegangen ist. Der Wendelin hat das auf alle Fälle irgendwann nicht mehr ausgehalten, sich scheiden lassen und die Flucht ergriffen.
Keiner weiß genau, wo es ihn hin verschlagen hat. Die Sieglinde, die ist geblieben. Allen Spukgeschichten und Gerüchten zum Trotz. Eigentlich wundert es den Friedrich, dass sie nicht längst ausgezogen ist. Dass es sie nicht in ihr altes Leben zurückzieht, das verstehen im Ort viele nicht. Soweit man weiß, hat sie Publizistik studiert, hätte also in der Großstadt weit bessere Verdienstmöglichkeiten als in Sankt Lindenbaum. Allerdings heißt es auch wieder, dass sie die Alleinerbin ihres Bruders ist und deshalb gar keine stete Einnahmequelle braucht, dass ein wenig Homeoffice ab und zu also mehr als ausreichend ist. Was angeblich auch an dem ursprünglichen dicken Erbe liegt, das sie und ihr mittlerweile verstorbener Bruder damals gut angelegt haben. Dem Erbe ihrer Eltern.
Geld- oder sonstiger Adel halt, munkeln die Leute. Wie viel von dem, das ihm da gerade durch den Kopf geht, auch nur einen annähernden Wahrheitsgehalt besitzt, weiß der Friedrich zu seiner Schande allerdings selbst nicht. Die Sankt Lindenbaumer Gerüchteküche ist nämlich, wie man wissen sollte, mit äußerster Vorsicht zu genießen. Nicht selten schlägt sie einem übel auf den Magen. Was also an den zahllosen Erzählungen über die verfluchte Seevilla und deren Bewohner wirklich dran ist, dem gilt es auf den Grund zu gehen. Einfach nur, um vorbereitet zu sein, falls tatsächlich ein Fernsehteam Sankt Lindenbaum heimsucht, um sich dieser Frage zu widmen. Und nachdem der Herr Fesch gerade eh nichts anderes zu tun hat, ist das genau die Herausforderung, auf die er gewartet hat.

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Villenfluch
Kriminalroman von Lisa Gallauner
Taschenbuch, 220 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-370-6