„Der einzige Zeuge“ von Olivia Meltz
Charlotte Hofreiter ist eine toughe Polizistin, die eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sein sollte. Hat sie doch alles, was ein Mensch braucht. Eine Schwester, die sich um alles Häusliche und um ihr Wohlbefinden kümmert, zwei Nichten und einen Neffen, die ihr die nötige Abwechslung bieten, einen Familienhund, der gerade mal ein bisschen Chaos verbreitet und einen Job bei der Polizei. Doch insgeheim strebt Charlotte nach mehr. Sie möchte zu Europol und die ganz großen Fische hinter Gitter bringen. Bevor sie weiter über diesen Plan nachdenken kann, wird eine ortsansässige Journalistin erdrosselt aufgefunden. Und das noch dazu von dem allseits bekannten, faulen und etwas aufsässigen Familienhund Quincy. Einem Golden Retriever mit viel Herz und Appetit, vor allem auf gebrauchte und ungebrauchte Taschentücher. So wie es aussieht, ist Quincy der einzige Zeuge des Mordes. Charlotte bleibt nichts anderes übrig, als den Hund widerwillig in ihre Ermittlungen einzubeziehen.
Leseprobe
Es war eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod, die da in den altehrwürdigen Geschäftsräumen der Wiener Creditbank von 1879 stattfand. Zwei Männer in den Dreißigern, der eine in Jeans und Kapuzenshirt, der andere in der Kampfmontur der Wiener Sondereinheit WEGA, kämpften auf der Galerie im ersten Stock ebenso verbissen wie lautlos miteinander. Minutenlang waren nur die Geräusche der ausgetauschten Faustschläge und ab und zu ein kurzes, schmerzvolles Keuchen des jeweils Getroffenen zu hören.
Immer wieder warf der Uniformierte einen schnellen Blick hinüber zu einem großen geschnitzten Schrank aus dunkel gebeiztem Eichenholz, unter dem er seine Glock 17 wusste, denn diese hatte ihm der Kapuzenmann mit einer überraschend schnellen Bewegung aus der Hand geschlagen. Er schätzte kurz seine Chance ab, diese schneller als sein Gegner zu erreichen, aber jedes Mal erschien ihm diese Möglichkeit aufgrund der Kampfsituation als aussichtslos. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, den Kapuzenmann mit rein körperlicher Kraft zu überwinden.
Und tatsächlich schien dieser allmählich zu merken, dass er gegen seinen in Kampftechniken besser geübten Gegner auf Dauer keine Chance haben würde, denn der WEGA-Mann landete bei ihm einen Körpertreffer nach dem anderen. Kurzentschlossen warf sich der Kapuzenmann herum und rannte in Richtung der großen Treppe, die hinunter in den Schalterraum führte.
Doch sein Gegner hatte das bereits erwartet und setzte ihm sofort nach. Kurz vor der ersten Stufe hatte er ihn eingeholt, packte ihn zunächst an seinem Kapuzenshirt und dann am Arm, um ihn im weiteren Verlauf mit einem Polizeigriff zur Aufgabe zu zwingen. Der Kapuzenmann durchschaute dieses Vorhaben jedoch, ging zum Gegenangriff über und versuchte seinerseits, den Uniformierten mit einem geschickten Griff unter die Kniekehle aus dem Gleichgewicht zu hebeln. Der anfängliche Faustkampf ging jetzt in ein wildes Gerangel über, bei dem sich die Kontrahenten gegenseitig zu Boden zwingen wollten.
In der Nähe der Treppe zur Schalterhalle trat der Kampf in eine neue Phase ein, denn jeder der beiden hatte die nach unten führenden Stufen als perfekte Möglichkeit erkannt, den Gegner zum Straucheln und zum Stürzen zu bringen. Es entwickelte sich ein heftiges wechselseitiges Hin- und Herschieben, bei dem einer versuchte, den jeweils anderen rücklings zur Treppe zu drängen, was der natürlich mit allen Kräften zu verhindern suchte. Zweimal schleuderten sich die Kontrahenten dabei mit voller Wucht gegen die Balustrade aus kunstvoll gedrechselten Holzsäulen, die einen Absturz in die darunter liegende Schalterhalle verhindern sollte. Dem dritten gemeinsamen Anprall der zwei massigen Männerkörper hielt das in die Jahre gekommene Geländer nicht mehr stand und zersplitterte mit einem lauten Krachen. Zusammen mit großen Teilen der Brüstung stürzten die beiden Kämpfenden eng umschlungen und ebenso so lautlos, wie sie vorher miteinander gerungen hatten, in die Tiefe und prallten sechs Meter weiter unten auf dem Marmorboden auf, wo sie regungslos liegen blieben.
Auch als e-book erhältlich
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Thalia
Der einzige Zeuge
Der erste Fall für Inspektor Quincy
Kriminalroman von Olivia Meltz
Taschenbuch, 210 Seiten, € 14,90 (A)
ISBN 978-3-99074-326-3
