Sonnwendfeuer

Wie es dann so dunkel wird, dass man vom Volkstanzen nichts mehr sieht, entzündet auf ein Zeichen vom Tauschitz ein Florianijünger den Holzstoß, wo kurz vorher noch ein paar andere Florianijünger zur Sicherheit ein bisschen Benzin drübergeschüttet haben. Zur Sicherheit ist gut. Ausgerechnet die Feuerwehr macht das, vor dem sie jedes Jahr alle Grillwütigen warnt. Aber der Florianijünger macht das gekonnt, Kunststück, gelernt ist gelernt. Das liest man ja auch ständig in den Zeitungen, wenn irgendwo eine Brandserie, dann meist ein gelernter Florianijünger dahinter.
Es gibt einen Fluscher, und der Holzstoß lodert sofort zum Himmel, obwohl der Brauneder gesagt hat, es liegt kein Segen drauf. Und jetzt kommt der große Auftritt vom Tauschitz. Er nimmt sich die Weißhappel mit, die das Papiergeschäft im Ort betreibt und deshalb Schriftführerin im Brauchtumsverein ist, sie soll den Regenschirm über ihn halten. Der Tauschitz stellt sich mit dem Rücken ganz nahe an das Feuer, damit er das Licht schön von hinten hat.
»Meine lieben Bad Höfsteinerinnen und Bad Höfsteiner, sehr geehrte Gäste …« Das muss ihm der Neid lassen, reden kann er gut. Und er erwähnt auch, wie versprochen, den christlichen Bezug zum Johannisfeuer. Aber auch eine gute Rede braucht einen Kracher. So wie die Symphonie mit dem Paukenschlag. Aber bevor der Tauschitz zu seinem Kracher in der Rede kommt, macht es einen ganz anderen Kracher.
Wenn so ein brennender Holzstoß in die Luft fliegt, dann ein bisschen wie Feuerwerk. Nur unkonntrolliert! Die glühenden Scheiter haut es nur so durch die Gegend, natürlich auch auf die Zuschauer, die Feuerwehr und die Volkstanzgruppe. Die Blasmusik unter ihrem Baldachin hat ein bisschen mehr Glück, nur dem Ganzberger Schorsch, der ganz außen gesessen ist, beult so ein glosendes Trumm die Tuba ein. Die Menschen schreien und rennen alle in die Dunkelheit davon, die, die nicht mehr rennen können, liegen blutüberströmt auf dem Boden.
Irgendwer muss dann doch die Rettung und den Notarzt angerufen haben, weil eine halbe Stunde später trudeln alle ein. Hubschrauber, Rotes Kreuz und sogar Wasserrettung. Alle verfügbaren Ressourcen, wie es am nächsten Tag in den Zeitungen so schön heißt. Die Rettungsleute fragen nicht lange, sobald der Notarzt einen zum Transport freigibt, hinein in den Wagen und ab damit in ein Spital. Nur beim Tauschitz und der Weißhappel haben sie es nicht mehr eilig. Vorne werden die beiden noch ein bisschen zusammengehalten, vom Gewand oder der Haut, was weiß ich, aber von hinten schauen sie aus wie zwei aufgeplatzte Blunzen im Reindl. 
Der Distl hat ja schon viel gesehen in seiner langen Berufslaufbahn, aber so was noch nicht. Irgendwie erinnert ihn die Szene, weil sie so irreal ist, an einen Filmdreh, aber die Leichen und das Blut eben nicht gestellt oder aus Plastik. Und der Gestank von verbranntem Fleisch auch anders als der Popcorngeruch im Kino. Bei dem Gedanken wird dem Distl jetzt sogar ein bisschen dingsbums. Siehst du, auf diese Weise ist der Distl doch noch zu einem Tatort gekommen am heutigen Tag, obwohl er davor eigentlich weggelaufen ist. Aber so ist das oft im Leben. Man bemüht sich verzweifelt, irgendeiner Sache auszuweichen, und zack, hast du es nicht gesehen, kommt es dann noch viel schlimmer. So was heißt: vom Regen in die Traufe. Der Distl hat jetzt aber keinen Kopf für solche Überlegungen. Weil den ganzen Heimweg lang hat sich bei ihm nur der Gedanke ins Hirnkastl gesetzt: Woher hat der Brauneder von vornherein gewusst, dass kein Segen darauf liegt? !

Am Tag der Sonnwendfeuer versammelt sich ganz Bad Höfstein, um zu sehen, wie der riesige Holzstoß angezündet wird. Es ist der große Tag des Juweliers Heinrich Tauschitz. Nach einer ausgefeilten Rede darf er das Feuer entzünden. Doch mitten in seiner Rede explodiert das Sonnwendfeuer und Tauschitz und die neben ihm stehende Frau Weißhappel werden zu Opfern der Flammen. Wer war für die Explosion verantwortlich? Inspektor Distl ermittelt wieder in Bad Höfstein.

Sonnwendfeuer
Dorfkrimi von Hans Christ
Taschenbuch, 227 Seiten, € 12,90 (A)
ISBN 978-3-903092-89-1



Der Titel ist  auch  als ebook erhältlich

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Thalia


Von Hans Christ bisher erschienen




Mörderkirtag
978-3-902784-64-3





Hans Christ

     

 

     

 

 
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