Selektion

Es gibt nichts, was es nicht gibt.
Als der junge Mann am Monitor drei auftauchte und langsam auf einen Mann im hellbeigen Anzug zuging, fand diese Theorie wieder einmal ihre Bestätigung.
Der junge Inspektor Bernhard Kain beobachtete im Rahmen seines Nachtdienstes in der Polizeiinspektion Hauptplatz bereits seit zwei Stunden gelangweilt die Monitorbilder, die ihm die in der Linzer Innenstadt installierten Kameras lieferten. Zehn Stück an der Zahl. Linz war nicht London, wo an den Straßenlaternen tausende von Kameras hängen. Der wunderschön beleuchtete Hauptplatz war stark frequentiert, die Gastgärten der zahlreichen Lokale bis auf den letzten Platz gefüllt. Klimawandel auch in der Stahlstadt an der Donau. Eine afrikanische Luftströmung ließ die Quecksilbersäulen noch am späten Abend auf dreiundzwanzig Grad steigen. Viel zu hoch für Samstag, den 21. März.

»Schaue dir den jungen Mann auf Monitor drei an. Er sitzt schon seit geraumer Zeit mit einer Daunenjacke und hereingezogener Kapuze herum und trägt auch noch Winterhandschuhe. Und das bei der Hitze. Das ist doch nicht normal.«
»Was könnte er in seiner Jacke versteckt haben?«, fragte Bleckmann.
Tatsächlich war der Reißverschluss der Jacke zur Hälfte geöffnet, der Mann hatte seine rechte Hand an den Körper gepresst. Als ein Gast in einem hellen Anzug das Restaurant gegenüber verließ, sprang der groß gewachsene Mann plötzlich auf, lief die wenigen Schritte auf ihn zu. Jetzt zog er die Hand aus der Jacke. Im Licht der Straßenbeleuchtung blitzte ein metallischer Gegenstand auf. Ein Messer, ein großes Klappmesser. Blitzschnell stach er mehrmals auf den Oberkörper seines Gegenübers ein. Das Opfer schlug mit dem Rücken auf die Eingangstür des Restaurants zurück und sank langsam zu Boden. Dann saß der Mann regungslos da und griff sich mit beiden Händen an den Oberkörper.
»Der bringt den um! Josef, komm! Und du, Bernhard, löse sofort Alarm aus!«, schrie Bleckmann, sprang auf und rannte zur Tür hinaus. Mayr folgte ihm. Kain blieb zurück.
»Achtung! Hier Bernhard Kain mit einer Durchsage: Messerstecherei vor dem italienischen Restaurant in der Schmidtorstraße! Täter vermutlich ein junger Mann, ungefähr einen Meter neunzig groß, schlank! Bekleidet mit einer roten Daunenjacke, Kapuze hochgezogen, Bluejeans und roten Laufschuhen. Achtung! Täter führt ein Messer mit sich! Er flüchtet Richtung Landstraße!«, brüllte Kain in das Mikrofon, mit dem er per Knopfdruck sämtliche Polizeidienststellen und Funkwägen, die in der Stadt Patrouille fuhren, sowie das Landespolizeikommando alarmieren konnte. Auch die Rettungszentralen und Notärzte hörten mit.
Weitere Kollegen und Kolleginnen, die mit ihm Nachtdienst hatten, liefen ebenfalls los. Zum Tatort waren es höchstens fünfhundert Meter.


Linz. Dr. Jürgen von Riedershoff, Eigentümer mehrerer Kinderwunschkliniken in aller Welt, wird auf offener Straße hingerichtet. Die Methoden des Arztes waren umstritten und ebneten den Weg von der künstlichen Befruchtung zum Montieren von idealen, gesunden, eltern- und gesellschaftsgerechten Kindern. Babys aus dem Katalog. So wie die Kernspaltung hat auch die Genmanipulation Licht und Schattenseiten. Seine geheimnisumwitterte Frau, eine Wissenschaftlerin aus Taiwan, lieferte die Grundlagen für seine Arbeit. Sie schwebt jetzt in Lebensgefahr. War der Linzer Arzt ein „Frankenstein 4.0“? Wer entscheidet über Tod oder Leben eines werdenden Kindes? Wer selektiert? Haben medizintechnische Konzerne, die Pharmaindustrie, radikale Abtreibungsgegner oder doch militante Lebensrechtsbewegungen den Mord in Auftrag gegeben? Der junge Polizist Bernhard Kain ermittelt seinen zweiten großen Fall.

Selektion
Kriminalroman von Volker Raus
Taschenbuch, 270 Seiten, € 12,90 (A)
ISBN 978-3-99074-087-3



Der Titel ist  auch  als ebook erhältlich

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Thalia


Von Volker Raus bisher erschienen


 

Martinigans
978-3-99074-024-8

Selektion
978-3-99074-087-3

9


Volker Raus

Erich Wimmer      

 

     

 

 
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